mozartforschung.de

Einführung


Forschungsannahme

Die harmonische Beschaffenheit vieler Überleitungen in Sonatenexpositionen von Haydn und Mozart lässt sich als eine im Hinblick auf die Musiksprache des 18. Jahrhunderts sinnvolle Harmonisierung von Tonleiterausschnitten verstehen. Der über die Tonleiter referenzierbaren Harmonisierung können Taktgruppen vorangestellt werden, oftmals folgt ihr ein Halbschluss (der Ausgangs- oder Nebentonart).

Zur Chiffrierung
  • Die Länge der Tonleiter, an der sich eine charakteristische Überleitungsharmonik erkennen lässt, wird über Zahlen angegeben, z.B. 4–1 = vier Töne oder 5-1 = 5 Töne. Die Struktur der Tonleiter kennzeichnen Solmisationssilben, z.B. 4-1 fa-ut = f-e-d-c oder 5-1 sol-ut = g-f-e-d-c etc.
  • Die Harmonisierung der Töne des Tonleiterausschnitts einer Überleitung zeigt ein Buchstabe an: ›G‹ steht für eine Harmonisierung als Grundton, ›T‹ für eine Harmonisierung als Terzton, ›Q‹ als Quintton, ›S‹ als Septimton und ›N‹ als Nonenton. Große Buchstaben zeigen an, dass die Terz über dem Akkordgrundton groß ist, kleine Buchstaben kennzeichnen eine kleine Terz. Im Falle der nachstehenden Abbildung stände ›4G‹ demnach für eine Harmonisierung des vierten Tons ›f‹ als F-Dur (›f‹ als Grundton), ›4t‹ chiffriert hingegen einen D-Moll-Akkord (›f‹ als Terzton). ›2Q‹ der Tabelle kennzeichnet den zweiten Ton ›d‹ des Tetrachords, als Quinte eines G-Dur-Dreiklangs oder -Septakkords usw
Tabelle zur Chiffrierung von Überleitungen

Ein hypothetisches Chiffrierungsbeispiel mit Erläuterungen zu dem oben abgebildeten Tetrachord:
Tetrachord fa-ut mit 4N-3q-2g-2Q-1G

4N = ›f‹ als None über ›e‹, z.B. als verm. Septakkord (gis-h-d-f)
3q = ›e‹ als Quinte (a-c-e)
2g = ›d‹ zuerst als Grundton (d-f-a)
2Q = ›d‹ anschließend als Quintton (g-h-d)
1G = ›c‹ als Grundton (c-e-g)

Wie aus dem Beispiel ersichtlich, erscheinen verminderte und halbverminderte Septakkorde mit dominantischer Funktion (im Sinne der Funktionstheorie) in der Systematik als ›verkürzte Dominantseptnonakkorde‹, werden also auf die Terz unter dem tiefsten Ton der Terzenschichtung bezogen (4N = großes N für die große Terz e-gis des verminderten Septakkores gis-h-d-f). Halbverminderte Septakkorde oder verminderte Dreiklänge ohne dominantische Funktion im Sinne der Funktionstheorie − z.B. im Rahmen einer Quintfallsequenz − werden dagegen nicht auf substruierte Fundamente bezogen. Diese Chiffrierung ist aus systematischen und pragmatischen Gründen gewählt worden, mit ihr verbindet sich keine Aussage zur Bedeutung bzw. Auffassung verminderter Septakkorde im 18. Jahrhundert.
   Chromatisierung einzelner Skalentöne eines idealtypischen Verlaufs können unter besonderen Umständen als akzidentielle (und nicht als substantielle) Veränderung verstanden werden (vgl. hierzu die Ausführungen am Ende meines Aufsatzes). Der idealtypische Tetrachord f-es-d-c ließe sich also unter spezifischen Umständen als chromatische Variante des Tetrachords f-e-d-c auffassen (also als farbliche Variante der Struktur fa-mi-re-ut und nicht als eigenständige Struktur sol-fa-mi-re).
   Die Außenstimmensätze, durch welche sich die Harmonik vermittelt, sind variabel und werden durch Harmoniefolgen nicht festgelegt. In der folgenden Abbildung repräsentieren z.B. die abgebildeten Außenstimmensätze das gleiche Harmoniemodell ›4G-3T-2Q-1G‹, die schwarzen Noten ohne Hals veranschaulichen den Idealtyp bzw. einen Tonleiterausschnitt fa–ut:

Tabelle zur Chiffrierung von Überleitungen

Ob sich durch einen idealtypischen Tonleiterausschnitt referenzierte Überleitungen ›modulierend‹ oder ›nicht modulierend‹ verhalten, lässt sich nur über den Kontext bestimmen. Überleitungen wirken in der Regel modulierend, wenn Sie in Dur mit einem Halbschluss in der Nebentonart (3. Absatz nach Heinrich Christoph Koch) enden.